Multiple Sklerose

Was ist MS?

Unter der multiplen Sklerose (MS) versteht man eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Erkrankung zeichnet sich durch Entzündungen und Beschädigungen im zentralen Nervensystem, hauptsächlich im Gehirn und Rückenmark aus. Dabei werden die isolierenden Schichten der Nervenbahnen entweder reversibel oder irreversibel geschädigt, wodurch es zu bleibenden Schäden der Nervenbahnen kommen kann. Es handelt sich bei der MS um eine Autoimmunerkrankung, da das Immunsystem von Betroffenen die eigenen Nervenbahnen und dessen Isolierung angreift und zerstört.

Sie manifestiert sich zumeist im frühen Erwachsenenalter zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr. Aber auch davor und danach kann eine Erkrankung stattfinden. Die Erkrankung zeigt sich vor allem durch schubartige Verläufe, bei denen Symptome auftreten und nach 6-8 Wochen entweder ganz oder nur unvollständig abklingen.

Der Verlauf sowie die Symptome der Erkrankung sind sehr unterschiedlich und individuell, da es stark davon abhängig ist, welche zentralnervösen Strukturen die MS befällt.

Frauen sind von der Erkrankung zwei- bis viermal häufiger betroffen als Männer. Weltweit leben etwa 2,8 Millionen Menschen mit MS, obwohl die Dunkelziffer höher ausfallen dürfte, da gerade in Ländern mit unzureichender Gesundheitsversorgung eine Diagnose häufig nicht gestellt werden kann. In Deutschland sind etwa 252.00 Menschen betroffen.

Man unterscheidet zwischen verschiedenen Formen der MS:

Klinisch isoliertes Syndrom (KIS/CIS)

  • Darunter versteht man die Erstsymptomatik der Erkrankung
  • Die CIS kann in eine schubförmig remittierende MS übergehen. Ob und wann das stattfindet, ist sehr unterschiedlich

Schubförmig remittierende MS (RRMS)

  • Es treten Schübe in unterschiedlichen Zeitabständen auf. Die Symptome der Schübe klingen zumeist wieder vollständig ab, aber gerade nach längerer Krankheitsdauer bleiben häufiger Symptome, zumindest teilweise zurück
  • Die RRMS kann nach längerer Krankheitsdauer in eine SPMS übergehen
  • Bei circa 85% der MS-Patienten liegt eine RRMS vor

Sekundär (chronisch) progrediente MS (SPMS)

  • Zunächst kommen schubabhängig Verschlechterungen, dann schleichend auch schubunabhängige Symptome und Beschwerden.

Primär (chronisch) progrediente MS (PPMS)

  • Symptome sowie Verschlechterung erfolgen komplett ohne Schübe und klingen auch nicht wieder ab.

Zusätzlich zu den genannten MS-Formen, die bei Erwachsenen auftreten wird noch in die MS im Kindesalter unterteilt. Hierbei liegen fast ausschließlich schubförmige Verläufe vor. Der Krankheitsverlauf ähnelt der der RRMS sehr.

Was passiert bei einer MS im Körper?

Der genaue Pathomechanismus ist bis heute nicht vollständig geklärt. Man weiß aber, dass die Symptome durch Beschädigungen an der Myelinschicht der Axone sowie der Axone selbst zustande kommen. Axone sind Fortsätze von Nervenzellen, die dabei helfen Signale z.B. im zentralen Nervensystem weiterzuleiten. Sie sind dabei häufig von einer Myelinschicht umgeben, welche nicht durchgängig das Axon umschließt, sondern in regelmäßigen Abständen kleine Lücken vorhanden bleiben. Die Myelinschichten sind dazu da, Nervensignale, die von den Nervenzellen an die Axone geschickt werden, schneller weiterzuleiten. Ohne die Myelinschichten würde die Weiterleitung länger dauern. Im zentralen Nervensystem wird die Myelinschicht von den sogenannten Oligodendrozyten gebildet. Kommt es zu Beschädigungen der Myelinschichten (Demyelinisierung) können Oligodendrozyten die Myelinschichten wieder herstellen bzw. reparieren (Remyelinisierung). Dafür gibt es aber nur begrenzt Kapazitäten, sodass nicht unendlich oft Myelinschichten wieder repariert werden können. Ist die Kapazität aufgebraucht, bleibt es bei der Beschädigung, es bilden sich Narben, sogenannte Sklerosen.

Die Beschädigungen der Myelinschichten entstehen bei der MS zumeist durch Entzündungen im Gehirn oder dem Rückenmark.  Warum und wie genau es zu diesen Entzündungen kommt ist nicht vollständig geklärt. Vermutet werden initiale minimale Entzündungen im Gehirn, ausgelöst z.B. durch eine Epstein-Barr-Infektion. Diese aktivieren im Blut wahrscheinlich sogenannte autoreaktive T-Zellen. Diese T-Zellen sind gegen körpereigenes Gewebe gerichtet. Die autoreaktiven T-Zellen sorgen für eine Ausschüttung von Adhäsionsmolekülen. Mithilfe dieser Moleküle und der sogenannten Metalloproteinase können sie die Blut-Hirn-Schranke passieren und gelangen so in das zentrale Nervensystem (ZNS). Im ZNS treffen die autoreaktiven T-Zellen auf die antigenpräsentierenden Zellen, welche die Autoantigene (körpereigenes Gewebe auf das wie ein Antigen reagiert wird) der Myelinschicht mithilfe der MHC-Moleküle den autoreaktiven T-Zellen präsentiert. Durch diese Präsentation werden die T-Zellen reaktiviert, wodurch es zu einer ganzen Reihe verschiedener Entzündungsprozesse und -verstärker kommt:

  • Sowohl die reaktivierten T-Zellen als auch die Makrophagen, die durch den Entzündungsprozess stimuliert wurden, produzieren Zytokine (Proteine, die bei der Reaktion des Immunsystems beteiligt sind) welche die T-Zellen zur Vermehrung anregen. Zusätzlich werden die antigenpräsentierenden Zellen ebenfalls angeregt MHC-Moleküle zu bilden. Dies führt dazu, dass zunehmend T-Zellen aktiviert werden und die Reaktion bei ihnen von vorne beginnt.
  • Einige der freigesetzten Zytokine wirken direkt toxisch auf die Oligodendrozyten und zerstören sie.
  • Andere freigesetzte Zytokine wiederrum aktivieren B-Lymphozyten, welche daraufhin Immunglobuline produzieren welche die Myelinscheiden beschädigen.
  • Weiterhin kommt es zur Stimulation von Makrophagen (Fresszellen) und Mikrogliazellen (Immunzellen des Gehirns) welche verschiedene Entzündungsmediatoren produzieren durch die das Komplementsystem (Teil des Immunsystems) aktiviert wird. Es kommt zu weiteren Beschädigungen der Myelinschichten.
  • Auch B-Lymphozyte werden aktiviert, welche wiederrum T-Lymphozyten aktivieren und Zytokine sowie Autoantikörper produzieren. Hierdurch wird die Entzündungsreaktion weiter verstärkt.

All diese Vorgänge sorgen für die Demyelinisierung der Axone, durch die dann Schlussendlich die Symptome entstehen, da die Reizweiterleitung entweder komplett unterbrochen wird oder langsamer stattfindet.

Die Demyelinisierung kann durch die Oligodendrozyten wieder rückgängig gemacht werden, d.h. dass sich um die Axone wieder neue Myelinschichten bilden bzw. die beschädigten Myelinschichten repariert werden können. Geschieht dies nicht, kann es zu einer dauerhaften Beschädigung der Axone kommen, wodurch die Reizweiterleitung dauerhaft an der betroffenen Stelle entweder komplett blockiert ist oder nur noch langsam/eingeschränkt stattfinden kann. Diese dauerhafte Beschädigung führt dann schlussendlich zu den bleibenden Behinderungen, die bei manchen Patienten vorzufinden sind. Wie schon gesagt, ist das Remyelinisierungspotenzial nur begrenzt, wodurch häufige Entzündungen auch mit einem erhöhten Risiko bleibender Schäden verbunden sind.

Die Entzündungsvorgänge finden zumeist an einzelnen Stellen im Gehirn oder dem Rückenmark statt und werden auch Entzündungsherde genannt. Während eines Schubs sind die Entzündungsherde besonders aktiv und rufen dadurch die Symptome hervor. Klingen die Herde wieder ab verschwinden dann häufig auch wieder die Beschwerden. Aber auch außerhalb von Schüben können Entzündungen vorhanden sein, die vom Betroffenen nicht bemerkt werden, bzw. sich erst durch eine schleichende Verschlechterung des Zustandes bemerkbar machen. Durch die Schübe und Entzündungen bleiben zudem Läsionen, also Verletzungen des Gehirns oder dem Rückenmark, zurück. Sie können zwar durch Remyelinisierungsvorgänge wieder repariert werden, können aber z.B. durch MRTs trotzdem entdeckt werden.

Neben den Schüben gibt es auch Symptomverschlechterungen, die durch Temperaturen hervorgerufen werden. Dies nennt man auch Uhthoff-Phänomen. Dabei wird durch die Erhöhung der Körperkerntemperatur, z.B. durch Sauna, heiße Bäder oder Fieber die Reizweiterleitung gestört und Symptome treten auf. Da bei MS-Patienten die Nervenbahnen besonders empfindlich sind, können diese Störungen schon ab einer Erhöhung von 0,5°C auftreten. Sinkt die Körpertemperatur wieder auf einen normalen Wert verschwinden auch die Symptome wieder. Bleibende Schädigungen finden hier nicht statt.

Schübe können weiterhin z.B. auch durch Infektionen, Medikamente oder psychische Vorkommnisse (Depressionen, Belastungen etc.) entstehen. Genauso wie das Uhthoff-Phänomen werden diese Schübe als Pseudoschübe bezeichnet. Sie klingen nach Beendigung des Auslösers ab und führen auch nicht zu neuen Schädigungen, da vermutlich eher schon bestehende Schäden als Auslöser bzw. Verstärker dienen.

Symptome

Die Symptome der MS können sehr vielfältig sein und verändern sich häufig im Laufe der Erkrankung. Die Stärke und Dauer der Symptome sind außerdem von der Form der MS abhängig.

Zu den häufigen Erstsymptomen zählen vor allem Probleme mit den Augen, wie z.B. verschwommenes Sehen, Schleier- oder Nebelsehen. Aber auch motorische Störungen treten häufig als Erstsymptom auf, so z.B. vorzeitige Ermüdung der Beine und dadurch ausgelöste Gangstörungen. Ebenfalls können Beschwerden des Empfindens auftreten. Das äußert sich zum Beispiel in Kribbelgefühlen, „Ameisenlaufen“ und einem Pelzigkeitsgefühl.

Während des Krankheitsverlaufes können weitere, körperliche Symptome, zusätzlich zu den Erstsymptomen auftreten. So z.B.:

  • Schwindel
  • Zerebelläre Störungen, z.B. Sprachschwierigkeiten oder Verhärtungen der Muskeln (Spastik)
  • Gangschwierigkeiten
  • Koordinationsprobleme
  • Schwäche, bis hin zur Lähmung der Gliedmaßen
  • Blasenbeschwerden, wie z.B. Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz
  • Darmprobleme
  • Schmerzen
  • Schluckstörungen

Häufig treten aber auch Beschwerden auf, die auf den ersten Blick nicht unbedingt mit einer MS assoziiert werden. So zum Beispiel eine starke Müdigkeit und Erschöpfung, auch Fatigue genannt. Aber auch psychische Probleme wie Depressionen oder depressive Verstimmungen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme können auftreten.

Neben diesen Symptomen gibt es auch sekundäre Komplikationen, die durch die Symptome der MS ausgelöst werden. So führen gerade Bewegungsprobleme und Schmerzen häufig zu Haltungsschäden, Osteoporose, verkürzten Sehnen, Muskeln oder Bändern oder zu einem Dekubitus (Lokal geschädigte Haut, z.B. durch langes Liegen in derselben Position).

Treten die typischen Erstsymptome einer MS auf, spricht man von dem klinisch isolierten Syndrom (CIS). Es handelt sich hierbei um die Erstmanifestation der MS, also den ersten Schub einer MS-Erkrankung. Das CIS kann sich im Laufe der Zeit zu einer RRMS entwickeln. Wie schnell das geht, ist sehr individuell und ist sowohl von der Therapie als auch dem Vorhandensein von Läsionen und anderen Risikofaktoren abhängig. So kann es sein, dass einige Betroffene schon nach wenigen Jahren eine RRMS entwickeln, andere erst nach 20 Jahren und wieder andere gar keine RRMS ausbilden.

Liegt bei dem Betroffenem eine schubförmig remittierende MS (RRMS) vor, treten die Symptome häufig nur während eines Schubs auf. Schübe dauern mindestens 24 Stunden und klingen nach 6-8 Wochen wieder ab. Die Symptome können sich dabei entweder wieder komplett zurückbilden (vollständige Remission) oder nur teilweise (unvollständige Remission). Treten zwei Schübe innerhalb von 30 Tagen auf, spricht von einem Schubkomplex. Der zeitliche Abstand der Schübe kann sehr unterschiedlich sein. Manche Patienten bleiben jahrelang schubfrei, andere wiederum bekommen alle paar Monate Schübe.

Häufig, aber nicht immer, geht die RRMS in eine sekundär progrediente MS (SPMS) über. Wie schnell der Übergang stattfindet, kann sehr unterschiedlich sein und ist auch von der Therapie abhängig. Nach über 25 Jahren Krankheitsdauer ist dies bei circa 7 von 10 Patienten der Fall. Bei dieser Form der MS klingen die Symptome eines Schubs zumeist nur noch unvollständig ab, es kommt zu vermehrten bleibenden Beschwerden, z.T. auch ohne Schübe. Häufig klingen die Schübe im Verlauf der Erkrankung ab, die Beschwerden und Symptome steigen aber weiterhin.

Zuletzt gibt es noch die primär progrediente MS (PPMS). Hier finden keine Schübe statt, auch nicht zu Beginn der Erkrankung. Trotzdem treten mit der Zeit immer mehr Symptome und Beschwerden auf, ohne dass sie sich zurückbilden. Es gibt aber auch hier Phasen, bei denen die Erkrankung weniger aktiv ist und keine neuen Symptome auftreten.

Diagnostik

Da es für die MS keine spezifischen Laborparameter gibt, anhand derer sie zweifelsfrei diagnostiziert werden könnte, werden verschiedene diagnostische Kriterien benötigt. Zu ihnen gehören die MRT-Befunde, Liquorbefunde (Körperflüssigkeit im zentralen Nervensystem) und die klinischen Symptome der Betroffenen. Um diese Kriterien zu erfassen, müssen bei Betroffenen verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden.

Die Anamnese ist meistens der Startpunkt der Diagnostik. Hierbei erzählt der Patient seine gesundheitliche Vorgeschichte. Diese gibt häufig schon Hinweise auf eine MS. Wichtig sind hier die Symptome, deren Auftreten und ggf. schon bekannte Auslöser. Wenn vom Patienten Medikamente genommen werden, sollten diese ebenfalls erfasst und nach ihrer Wirksamkeit und Wirkung bewertet werden. Weiterhin sollten auch andere Vorerkrankungen, sowie familiäre Erkrankungen abgefragt werden.

Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist ein sehr wichtiger Teil sowohl der Diagnostik als auch der Verlaufs- und Prognosebeurteilung. Bei 95% der MS-Patienten lassen sich bei einer MRT-Untersuchung krankhafte Veränderungen, die Läsionen, nachweisen. Gerade im Frühstadium der MS sind die Läsionen häufig im Hirngewebe um die Hirnventrikel (Hohlräume im Inneren des Gehirns) zu finden. Aber auch Läsionen in der weißen und/oder grauen Substanz sind Hinweise auf eine MS. Wenn mindestens zwei Schübe und Zwei Herde zeitlich und räumlich voneinander getrennt vorliegen, kann schon eine MS diagnostiziert werden, mittlerweile sogar nach nur einem Schub.

Weiterhin werden auch Liquoruntersuchungen gemacht, bei denen die Körperflüssigkeit des zentralen Nervensystems untersucht wird. Bei MS-Patienten können meistens erhöhte Zahlen von Lymphozyten und Monozyten (Vorläuferzellen der Makrophagen) nachgewiesen werden. Weiterhin ist auch das Vorliegen der isolierten oligoklonalen Banden (OKB) ein gutes Indiz für eine MS. Isolierte oligoklonale Banden zeigen an, dass Immunreaktionen im zentralen Nervensystem stattfinden.

Anhand dieser verschiedenen Untersuchungen und Befunde kann dann eine MS diagnostiziert oder ausgeschlossen werden. Die Kombination dieser Kriterien ist wichtig, da die Befunde alleinstehend nicht MS-spezifisch sind, sondern auch bei anderen Krankheiten vorhanden sein könnten.

Ursachen

Die genauen Ursachen der MS-Erkrankung sind nicht bekannt. Da die Krankheit bei Frauen häufiger vorkommt, wird vermutet, dass die Hormone eine Rolle spielen könnten. Aber auch genetische Dispositionen sind wahrscheinlich, da das Risiko an einer MS zu erkranken höher ist, wenn nahe Verwandte betroffen sind. Man vermutet, dass verschiedene HLA-assoziierte Gene eine Rolle spielen. HLA sind Proteine, die unter anderem dafür zuständig sind, dass das Immunsystem zwischen körpereigenen und körperfremden Stoffen unterscheidet. Es werden aber auch weitere andere Gene vermutet. Neben der genetischen Disposition gibt es auch andere Risikofaktoren, die das Auftreten einer MS fördern könnten. So wird vor allem eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus als Auslöser vermutet, da fast alle MS-Patienten eine vorangegangene Infektion nachweisen konnten. Aber auch Rauchen und Übergewicht scheint mit einer MS in Verbindung zu stehen. Weitere Faktoren wie Schichtarbeit und diätetische Faktoren werden ebenfalls diskutiert, konnten aber noch nicht bewiesen werden.

Ein weiterer viel diskutierter Punkt ist die verminderte Sonnenlichtexposition bzw. ein verringerter Vitamin-D-Spiegel. Diese Beobachtungen decken sich auch damit, dass es starke geografische Unterschiede bei den MS-Erkrankungen gibt. Länder, die näher am Pol liegen und damit weiter weg vom Äquator weisen erhöhte MS-Erkrankte auf.

Behandlung von MS

Die multiple Sklerose ist nicht heilbar, jedoch können Maßnahmen und Behandlungen durchgeführt werden, die die Prognose einer MS verbessern und die Symptome behandeln, sodass Betroffene eine möglichst hohe Lebensqualität erhalten können.

Die Therapie setzt sich hauptsächlich aus vier Aspekten zusammen: Der Behandlung der akuten Schübe, der Behandlung und Linderung der durch die MS hervorgerufenen Symptome, die Langzeittherapie zur Verbesserung der Prognose der MS und der Rehabilitation.

Akute Schübe werden hauptsächlich durch Glukokortikosteroide (Kortison), vor allem Methylprednisolon behandelt. Diese Sorgen dafür, dass die Entzündungsprozesse gehemmt werden. Die Dosis und die Dauer der Therapie ist dabei vor allem davon abhängig, wie gut auf das Kortison angesprochen wird. Normalerweise wird über drei Tage lang hochdosiert Kortison verabreicht. Dies kann sowohl stationär als auch ambulant erfolgen. Klingen die Symptome dadurch kaum oder gar nicht ab, muss die Therapie verlängert werden. Sollte dies nicht zu dem erwünschten Ergebnis führen und/oder es besteht Gefahr, dass bleibende Schäden entstehen, kann eine Plasmapherese durchgeführt werden. Dabei wird das Blut des Patienten mittels einer Zentrifuge „gewaschen“, d.h. dass Plasma herausgefiltert wird und entweder fremdes Plasma oder ein menschliches Protein (Humanalbumin) dafür hinzugegeben wird. Dass soll dafür sorgen, dass die Stoffe, die für die Schädigung der Myelinschicht sorgen entfernt werden. Die Therapie geht über 10 Tage. Der Vorgang des Filtrierens und hinzufügen, dauert etwa zwei bis vier Stunden und zwischen den einzelnen Behandlungen sollte jeweils ein Tag liegen. Durch diese zwei möglichen Therapien lassen sich die Schübe der MS in den meisten Fällen sehr gut kontrollieren und beenden.

Bei der Langzeittherapie der MS ist das Ziel dafür zu sorgen, dass die Krankheitsaktivität so gering wie möglich gehalten wird. Dabei steht vor allem im Vordergrund die Häufigkeit und Stärke der Schübe zu reduzieren und zu verhindern, dass bleibende Behinderungen entstehen. Dies erfolgt in der Regel durch zwei verschiedene Wirkungsgruppen. Bei den immunmodulatorischen Medikamenten wird das Immunsystem des Patienten beeinflusst und umstrukturiert. Sie sollen dabei helfen die Menge an immunstärkenden und immundämpfenden Stoffen zu regulieren, sodass keine Überreaktion des Immunsystems auf die Myelinscheiden mehr auftritt. Zusätzlich wird vermutet, dass sie auch dabei helfen, geschädigte Myelinschichten wieder aufzubauen. Bei dieser Wirkungsgruppe ist von Vorteil, dass das Immunsystem nicht komplett herabgesetzt wird, sondern nur eine „Korrektur“ stattfindet. Im Gegensatz dazu gibt es die Immunsuppressiva. Diese fahren das Immunsystem in bestimmten Aspekten herunter, um die Aktivität zu senken und damit auch die Angriffe auf das ZNS. Nachteil hierbei ist, dass Patienten dadurch häufig ein insgesamtes geschwächtes Immunsystem haben und damit für andere Erkrankungen anfälliger sein können.

Welche Medikamente genau verschrieben werden ist von der Form und Aktivität sowie dem Ansprechen auf die Therapie abhängig, weshalb es sehr wichtig ist, regelmäßig zu Kontrollterminen zu gehen, um die Medikamente ggf. frühzeitig umzustellen. Generell ist eine möglichst frühe, angepasste Therapie sehr wichtig, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Da bei der MS viele verschiedene Symptome und Einschränkungen auftreten können, ist die Therapie dieser sehr individuell. Je nach Erkrankung, Symptom oder Behinderungen werden die verschiedensten Medikamente eingesetzt. Die meisten Symptome wie die MS-Fatigue, Blasen- und/oder Mastdarmstörungen, Spastiken, Bewegungs- und Koordinationsstörungen, Schmerzen, Depressionen usw. werden in großen Teilen durch die verschiedensten Medikamente behandelt, welche oft auch nach Art und Stärke der Symptome variieren. Bei psychischen Problemen aber auch bei der MS-Fatigue werden auch häufig psychotherapeutische Behandlungen verschrieben, damit die Patienten lernen mit ihrer Erkrankung umzugehen und Coping-Strategien zu entwickeln.

Sowohl bei der symptomatischen Therapie als auch bei der Rehabilitation spielen die Bewegungstherapien wie die Physiotherapie, Ergotherapie, Krankengymnastik usw. eine sehr wichtige Rolle. Sie sollen dabei helfen die motorischen Leistungen und die Koordination des Patienten zu verbessern und zu trainieren, sodass die Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten wird. Weiterhin sind sie wichtig um Folgeerkrankungen, wie z.B. Fehlstellungen, Osteoporose usw. vorzubeugen und mögliche Einschränkungen nach einem Schub wieder zu lindern. Neben den Bewegungstherapien spielt auch die Logopädie eine wichtige Rolle, hierbei werden Sprech-, Sprach- und Schlucktherapien durchgeführt. Nicht zuletzt sind auch die neurokognitiven sowie psychologischen Therapien wichtig. Bei der neurokognitiven Therapie werden Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration und ähnliches geübt und trainiert, z.B. wenn nach einem Schub Probleme in diesem Bereich auftreten.

Ernährung bei MS

Die MS kann zwar nicht geheilt werden, jedoch kann sie durch die verschiedensten Therapien der Schulmedizin behandelt und therapiert werden. Auch durch Anpassungen im Lebensstil können einige Symptome und Beschwerden gelindert werden.

Eine spezielle Diät wird bei der MS nicht empfohlen, es gibt aber einige Aspekte die Patienten beachten sollten. So sollten Betroffene einer gesunden und ausgewogenen Ernährung folgen, d.h. hauptsächlich pflanzliche und unverarbeitete Lebensmittel essen. Bei Getreideprodukten vor allem Vollkornprodukte nutzen, schonende Zubereitungsarten wählen und genügend zuckerfreie Flüssigkeit zu sich nehmen. Zusätzlich wird empfohlen, die Aufnahme von tierischen Fetten gering zu halten, da die darin enthaltenen Fette (gesättigte Fettsäuren) entzündungsfördernd wirken können. Stattdessen sollten Patienten lieber auf ungesättigten Omega-3-Fettsäuren z.B. in Makrelen, Sardinen, Hering oder Thunfisch zurückgreifen, da dies eine entzündungshemmende Wirkung hat. Auch die ungesättigten Omega-6-Fettsäuren scheinen einen positiven Effekt auf die MS zu haben. Diese sind vor allem in pflanzlichen Ölen wie z.B. Sonnenblumen- oder Sojaöl enthalten. Neben den verschiedenen Fetten scheint auch der Konsum von Milch- und Milchprodukten einen Einfluss auf die MS haben zu können. So zeigt sich in Studien, dass ein erhöhter Milchkonsum bei Frauen zu einem erhöhten MS-Risiko führt. Außerdem scheint ein geringer Konsum von Milch- und Milchprodukten auch zu einer geringeren Krankheitsaktivität zu führen.

Bewegen sich Betroffene aufgrund verschiedenster Einschränkungen nur noch sehr wenig, sollte die Energiezufuhr darauf angepasst werden, sodass es nicht zu Übergewicht kommt. Zusätzlich sollten regelmäßig beim Arzt Blutbilder erstellt werden, um eine Unterversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen zu vermeiden. Sollte ein Mangel festgestellt werden, sollte die Ernährung umgestellt werden und/oder eine Supplementierung mit dem fehlenden Nährstoff erfolgen.  

Neben dem was gegessen wird, kann auch die Kalorienzahl eine Rolle bei der MS spielen. So zeigt sich, dass regelmäßiges Fasten einen entzündungshemmenden Effekt aufweist. So zeigte sich in Studien, dass Patienten die regelmäßig gefastet haben und außerhalb der Fastenzeit einer antientzündlichen Diät folgten, von höherer Lebensqualität berichteten. Wie genau das Fasten abgehalten werden sollte, sollte mit einem Arzt und/oder einer Ernährungsfachkraft besprochen werden, um Unterversorgungen zu meiden.

Bewegung bei MS

Zusätzlich zu der Ernährung sollten Betroffenen auf regelmäßige Bewegung und sportliche Tätigkeiten Wert legen, da sich dies positiv auf die MS auswirken kann. Je nach Sportart kann es sich positiv auf die Spastiken, die MS-Fatigue, die Körperhaltung, den Muskelerhalt, die Osteoporose-Prävention, das psychische Wohlbefinden usw. auswirken. Betroffene sollten dabei am besten eine Sportart finden, die ihnen Spaß macht und die sie gerne regelmäßig ausüben. Zusätzlich zeigen stresslindernde Tätigkeiten wie Yoga einen positiven Effekt auf das Stressempfinden und damit auch auf die MS, da sich Stress negativ auf das Immunsystem auswirken kann. So ist nicht nur stresslindernder Sport wie Yoga wichtig, sondern auch Tätigkeiten die Betroffene aus dem Alltag herausholen, sie ablenken und ihnen Freude bereiten.

Vitamin D bei MS

Die Rolle von Vitamin D bei der Entstehung und Behandlung von MS ist zwar nicht genau geklärt, doch scheint es Zusammenhänge zu geben die Betroffenen helfen könnten. So konnte man z.B. Nachweisen, dass bei den meisten MS-Patienten ein Vitamin-D-Mangel vorliegt. Zudem wurde bei Patienten mit einem hohen Vitamin-D-Spiegel eine geringere MS-Aktivität nachgewiesen. In einigen Studien konnte sich zeigen, dass eine Vitamin-D-Supplementation zusammen mit β-Interferon zu einer geringeren MS-Aktivität führt. Es gibt allerdings auch Studien, die keine direkte Verbesserung nachweisen konnten, weshalb für eine eindeutige Empfehlung noch weiter Studien benötigt werden. Sollte ein Vitamin-D-Mangel allerdings vorliegen, sollte eine Supplementierung erfolgen. Ob darüber hinaus eine weitere Vitamin-D-Gabe Sinn macht, sollte mit dem Arzt abgesprochen werden, es zeigt sich aber, dass es dadurch kaum zu Schäden kommt aber eine Möglichkeit der Verbesserung der Symptome durchaus besteht.

Alternative Therapiemethoden

Der Einsatz von Cannabis bei der MS-Therapie wird in den letzten Jahren immer mehr diskutiert. So zeigt sich in einigen Studien, dass die Möglichkeit besteht, dass Cannabis einen positiven Einfluss auf Spastiken, die Schmerzwahrnehmung, die Gehfähigkeit sowie auf eine Blasenschwäche hat. So gibt es mittlerweile schon Sprays, die gegen die Spastiken verschrieben werden und auch die Verschreibung von medizinischem Cannabis bei einer MS-Erkrankung wurde vereinfacht. Zusätzlich wird vermutet, dass Cannabis den Verlauf einer MS positiv beeinflussen kann. Insgesamt zeigt sich eine relativ gute Wirksamkeit, die aber noch mit weiteren Studien und Untersuchungen belegt und erforscht werden muss.

Die Akupunktur wird immer wieder als komplementäre Behandlung der MS diskutiert, Studien zeigen auch dass Akupunkturen generell durchaus Schmerzen und andere Symptome lindern können. Genaue Studien zum Thema Akupunktur und MS gibt es leider nur sehr wenige, weshalb keine eindeutige Aussage getroffen werden kann. In einer Studie zeigt sich, dass manche Patienten eine Akupunktur als positiv und z.B. Schmerzlindernd wahrgenommen haben, andere wiederrum haben aber von erhöhter Müdigkeit oder Spastiken berichtet. Soll trotzdem eine Akupunktur durchgeführt werden, ist es sehr wichtig dies nur von sehr erfahrenen und ausgebildeten Personen machen zu lassen, da es ansonsten zu Nebenwirkungen (Blaue Flecken, Schmerzen usw.) kommen kann.

Prognose

Durch die MS wird die Lebenszeit statistisch verkürzt, bei Frauen um circa 16,4 Jahre, bei Männern um circa 11,6 Jahre. Wie lange und in welchem Zustand ein MS-Patient leben wird, kann nur individuell geschätzt werden und ist stark von der Verlaufsform, dem Geschlecht, dem Erkrankungsalter, den Erstsymptomen sowie von weiteren Faktoren abhängig. Generell gibt es aber einige Faktoren, die für einen eher leichteren Verlauf sprechen. Dazu gehören z.B. ein junges Erkrankungsalter (unter 35), Erstsymptome wie Doppelbilder und Kribbeln die schnell Auftreten aber auch wieder schnell zurückgehen, ein früher Einsatz der Therapie usw. Abgesehen davon zeigt sich aber, dass durch die immer besser werdenden Medikamente, das größere Verständnis der Erkrankung und die Therapiestrategien die Prognose der MS immer besser wird und mit immer weniger Einschränkungen, Symptomen und bleibenden Behinderungen verbunden ist.

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