Wie dein soziales Umfeld deine Gesundheit beeinflusst

Vor allem zu Zeiten von Corona kennen wir alle das Gefühl von Einsamkeit. Aber wusstest du, dass Einsamkeit eng mit der Entwicklung und dem Verlauf von Krankheiten jeglicher Art zusammen hängen? Und das nicht wenig. Der Einfluss von sozialem Zusammenhalt ist oft größer als ungesunde Ernährung oder Zigaretten rauchen.

Der positive Effekt einer großen Gemeinschaft

Habt ihr schonmal etwas vom Roseto-Effekt gehört?
Roseto ist ein kleiner Ort in Pennsylvania, der von italienischen Einwanderern besiedelt wurde. 1961 wurde Dr. Steward Wolf auf das kleine Örtchen aufmerksam, als ihm auffiel, dass die Sterberate für alle Todesursachen zusammengenommen 30-35 Prozent unter dem Durchschnitt lag. Und damit auch unter der Sterberate einen Ort weiter, der sich im Normalbereich befand. Auch die Herzinfarktrate war in Roseto nur halb so hoch, wie in umliegenden Dörfern und ganz Amerika.
Wolf hat alle Einflussfaktoren untersucht. Die Ernährung war schlecht und sehr fettig, die Bewohner waren nicht besonders fit, die meisten rauchten und pflegten eine sitzende Lebensweise. Übergewicht gab es häufig. Und obwohl der Lebensstil denkbar schlecht war, waren sie so gesund.
Wolf ist zu dem Schluss gekommen, dass es der enge Zusammenhalt der Gemeinschaft war, der die Bewohner so gesund hielt. Die Familien lebten mit mehreren Generationen unter einem Dach, pflegten eine enge Verbindung zu den Nachbarn, gingen gemeinsam in die Kirche und kochten und aßen in der Gemeinschaft des Clans. Jeder stand für jeden ein und man verfolgte eine gemeinsame Vision. Und genau dieser Zusammenhalt war es, der die Menschen dort gesund gehalten hat.
Mittlerweile hat sich die Gesellschaft in Roseto geändert. Die Kinder gingen zum College, bauten sich Häuser in Vororten und passten sich dem Rest des Landes an. Seitdem hat sich auch die Sterberate normalisiert.

Die physiologische Erklärung für Einsamkeit als Krankheitsauslöser

Fakt ist: Einsamkeit löst Stressreaktionen im Körper aus.
Ein isoliert lebender Mensch, ohne Rückhalt von anderen Menschen kann von Herausforderungen des Alltags leicht überwältigt werden, das löst Überforderung und Ängste aus, die das Hirn als Bedrohung wahrnimmt. Dadurch werden zahlreiche Hormonkaskaden in Gang gesetzt, die Blutgefäße verengen, das Immunsystem hemmen und damit auch die Selbstheilungskräfte des Körpers reduzieren.
Je weniger Kontakt ein Mensch zu anderen Menschen hat, desto mehr stressen ihn soziale Interaktionen, sie werden als Bedrohung wahrgenommen und auch hier wird wieder Stress ausgelöst.
Der Faktor der Einsamkeit kann gravierendere Folgen auf unsere Gesundheit haben als Zigaretten oder ungesunde Ernährung und auch die Schmerzwahrnehmung steigern.

Es gibt weitere Studien, die zeigen, dass Menschen mit wenig sozialem Rückhalt eine 30 Prozent höhere Sterbewahrscheinlichkeit haben, als gut integrierte Menschen. Und alle weiteren Risikofaktoren wurden hier schon herausgerechnet.
Und auch auf die Heilungschancen bei schon bestehenden Krankheiten hat das soziale Netzwerk einen großen Einfluss. Hierzu wurde eine Studie mit 3000 an Brustkrebs erkrankten Krankenschwestern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass Frauen, die vor der Diagnose isoliert lebten, eine um 66 Prozent höhere Gesamtmortalität und eine zweifach erhöhte Brustkrebssterblichkeit aufwiesen.
Die Frauen, die nach der Diagnose auf sich alleingestellt waren, starben viermal häufiger an ihrer Krankheit als diejenigen, die von mindestens zehn Freunden begleitet wurden.

Neben einem großen Freundeskreis wirkt sich auch der Rückhalt durch eine liebevolle Partnerschaft positiv auf Gesundheit und Genesung aus. Menschen in einer Partnerschaft sind stressigen Situationen besser gewachsen.

Gesunde Beziehungen

Genauso, wie ein intaktes soziales Umfeld viele Vorteile mit sich bringt, können toxische und unglückliche Beziehungen der Gesundheit auch schaden. Das kann in Liebesbeziehungen, unehrlichen Freundschaften aber auch in der Kirchengemeinde vorkommen, wenn einem dort beispielsweise Missbilligung entgegengebracht wird. Beziehungen, wo man nicht so sein kann, wie man ist, bedeuten Stress für Geist und Körper.

Besser keine Beziehung als schlechte Beziehungen

Ein qualitatives Netzwerk aufbauen

Ein wichtiger Schlüssel zum gesund bleiben und gesund werden ist also ein Umfeld, das einem Sicherheit, Rückhalt, Liebe und Geborgenheit gibt.
Daraus lassen sich zwei Konsequenzen ziehen:

  • Das eigene Netzwerk aufbauen: Vielleicht kannst du einem Verein beitreten oder dich in deine vorhandenen Netzwerke mehr integrieren
  • Selektiere dein Netzwerk: Ein großes Netzwerk ist nicht immer gut, nicht um jeden Preis. Lege den Fokus auf deine guten und wohltuenden Beziehungen, pflege diese und trenne dich von toxischen und unglücklichen Beziehungen, die dir nicht guttun. Dann hast du auch wieder mehr Zeit und Energie für die wirklich wichtigen Kontakte.

Literatur

Peggy Reynolds und George A. Kaplan, »Social Connections and Risk for Cancer: Prospective Evidence from the Alameda County Study«, Behavioral Medicine, Band 16, Nr. 3 (Herbst 1990): Seite 101–110.

Ron Grossman und Charles Leroux, »A New ›Roseto Effect‹: ›People Are Nourished by Other People‹«, Chicago Tribune, 11. Oktober 1996, http://articles.chicagotribune.com/1996–10–11/news/9610110254_1_satellite-dishes-outsiders-town/2.

J. S. House, K. R. Landis und D. Umberson, »Social Relationships and Health«, Science, Band 241, Nr. 4865 (29. Juli 1988): Seite 540–545.

Lisa F. Berkman und S. Leonard Syme, »Social Networks, Host Resistance, and Mortality: A Nine-Year Follow-Up Study of Alameda County Residents«, American Journal of Epidemiology, Band 109, Nr. 2 (1. Februar 1979): Seite 186–204.

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